16 September 2026

Wie übt der publizierende Narzisst Kontrolle aus?


Obwohl ich spüre, dass es mir überhaupt nicht guttut, lese ich, wie unter Zwang, bei einer Bloggerin. Sie schreibt im Grunde nur Scheisse, aber das ist, glaub ich, der Trick. Seit über 20 Jahren jammert sie, wie schlecht es ihr geht, wie wenig Geld sie hat, wie krank sie ist und wie böse alle anderen Menschen zu ihr sind. Da ist nie, wirklich nie, ein Lichtblick. Jeder gut gemeinte Vorschlag wird durch herbei geredetes Ungemach, das ja geschehen könnte, entkräftet und entwertet.

Das ist richtig krank. Ganz zu schweigen von den Verschwörungstheorien, der "Zauberei", die anscheinend nur zum Schlechten angewandt wird, weil sonst müsste sie ja das Paradies auf Erden haben, oder? Wenn ich zaubern könnte, würde ich als erstes meine materiellen Bedürfnisse befriedigen. Was mich am Meisten stört, ist die Leugnung unserer Demokratie und das Schlechtreden unserer politischen Umstände. Und nicht zu letzt, das Behaupten, unsere Regierung wolle uns bewusst Schlechtes. Diese Schuldzuweisungen sind unerträglich. Und trotzdem schaue ich immer wieder dort vorbei und erhöhe ihre Clicks. Ich komme zu dem Schluss, dass mit mir etwas nicht stimmt, weil ich unfähig bin, mich all dem zu entziehen. Es ist aber nicht so, dass ich aus Schadenfreude dort lese. Sowas liegt mir fern.

Im Gegenteil, ich überlege automatisch, wie man helfen könnte. Aus Erfahrung weiss ich, dass das vergebene Liebesmüh ist. Jemand, der so kohlrabenschwarz in seiner Seele ist, vermag nicht, aus seiner Dunkelheit heraus einen Lichtfunken zu sehen. Das ganze Gebaren erinnert stark an das Verhalten verdeckt narzisstischer Menschen. Alle Schuld wird zwanghaft im Aussen gesucht. Bei allem, ausser der Zauberei, wird die Opferrolle gewählt und die Anspruchshaltung vermischt sich mit Jammern. Jegliche Eigenverantwortung wird abgelehnt. Das sich als Bürger-zweiter-Klasse-fühlen gehört auch dazu. Gleichzeitig findet eine Überhöhung des eigenen Selbst statt. Man ist ja der Klügere, kein Schlafschaf, hat den Durchblick und alle anderen sind dumm. Daraus zieht man seinen Selbstwert. Welch Elend!

Und nun gehe ich von der Einzelperson zum Kollektiv. James Hawes hat das Buch "Die kürzeste Geschichte Deutschlands" geschrieben. Bin durch ein Interview in der Zeit darauf gestossen. Er spricht mir aus dem Bauch. Habe es mir gleich bestellt, weil es das Verhalten der Ostdeutschen so gut erklärt. Er spricht von kulturell erlernter und politisch instrumentalisierter Reaktanz. Es sei die psychlogische Verarbeitung von historischen Umbrüchen, die sich in Form von Jammern, Externalisierung und die verdeckt narzisstisch wirkenden Abwehrmechanismen, Bahn brechen. Da muss ich nix mehr zufügen.


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